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Leseprobe 'Aura'

Sie hat es wieder getan.

Ich hoffe, sie hat diesmal daran gedacht, nicht in ihrem weißen Kleid, welches wie Nachtwäsche wirkt, zu gehen.
In meiner Kammer ziehe ich mir sogenannte Jeanshosen über und tausche meinen Brustpanzer gegen Oberbekleidung mit einem Kragen, welcher meine Kennzeichnung am Hals, als General, verdeckt. Mein Schwert abzulegen kostet mich immer wieder Überwindung, doch ich habe gelernt, dass meine Waffe Aurelia dort nicht beschützen kann.

»Wenn er bemerkt, dass du ihr schon wieder ihren verzogenen Hintern rettest, findest du dich bald als Acker- oder Viehbauer wieder. Ist sie das wirklich wert?« Meinen Leutnant ignoriere ich, denn auch er weiß, dass er eigentlich nicht in der Position ist, solche Worte zu wählen.
»Latos sag mir: Ist sie es wert?« Keinen Wimpernschlag später drückt sich die Schneide meines Schwertes an seine Kehle und mit schreckgeweiteten Augen blickt er mich an.
»Simas, ein letztes Mal. Sie ist die Prinzessin unserer Welt und meine Aufgabe ist es, sie zu beschützen. Ich hinterfrage nicht und ich verurteile nicht. Und wenn du nicht ganz von Sinnen bist, ist dir wohl klar, dass der König immer weiß, wenn Aurelia auf Reisen geht. Ihre Aura schenkt sie vielleicht nicht mir, dir oder einem anderen, jedoch ihr Vater trägt sie sehr wohl im Herzen. Also ... erinnere dich, wer du bist, und wo dein Platz ist, ich vergesse meine Stellung auch nicht. Und jetzt lasse mich in Frieden und vertrete mich, während ich sie suche.« Simas reibt sich kurz über den Abdruck meines Schwertes an seiner Kehle und scheint verstanden zu haben, denn er nickt und verlässt meine Kammer.
Ich selbst mache mich auf den Weg und hoffe, sie wieder an derselben Stelle wie die letzten Male vorzufinden.

Die Reisen sind nicht mehr als ein kurzes Schwindelgefühl und sind nicht verboten, doch dort angekommen eröffnet sich einem eine Welt, die mit unserer eigenen nur wenig gemeinsam hat. Optisch ist es nur eine weitere Parallelwelt, wie so viele, doch trägt man hier keine Waffen und die Gesellschaft ist von Gier und Macht besessen. Doch der größte Unterschied ist: Das Lebenselixier hier ist Wasser, und bei uns ist es die Aura.
Es hat lange gedauert, bis ich mich zurechtgefunden und den Zauber verstanden habe, den Aurelia hier verspürt. Viele von uns reisen durch die Parallelwelten und manche entscheiden sich nicht wiederzukommen, doch ich liebe meine Welt. Sie ist bis auf wenige Momente friedlich und bietet uns alles, was es zum Leben braucht.
Doch Aurelia, die 3. Tochter des Königs sieht dies anders.
Als ich sie das erste Mal von hier nach Hause holen musste, war sie verstört und verstand den Lauf dieser Welt nicht, doch dann führte sie mich an einen Ort, welchen ich selbst noch nie gesehen hatte und verstehe bis heute, warum sie immer wieder hierher zurückkehrt.
Das Meer!
Die Wellen sind immer in Bewegung und das Geräusch, welches man Rauschen nennt, ist so laut und gewaltig, dass wir schon viele Stunden damit zugebracht haben, im Sand zu sitzen und es zu beobachten und seinem Klang zu lauschen. Das ist auch der Grund, warum ich immer selbst nach Aurelia suche...

von Helene Krätzner