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Leseprobe 'Kompassnadel -zwei Herzen, ein Ziel-

„Darling, komm doch bitte wieder von der Leiter herunter. Du wirkst etwas aufgebracht, und lege bitte dieses Mordinstrument weg.“ Belustigt schaue ich zu Laurenz nach unten, der mich flehend anschaut.
„Was hast du gegen den ‚Tacker‘? Ich liebe dieses Ding! Mit einem Schlag hängt alles an der Wand. Schneller kann nicht einmal Carlos nageln. Außerdem bin ich nicht sauer.“ Der Zweideutigkeit meiner Aussage bin ich mir bewusst und kann dabei zuschauen, wie Laurenz errötet.
„Du bist eine Schlange. Es macht dir Spaß, mich in Verlegenheit zu bringen. Du weißt ganz genau, dass dieses Thema tabu ist. Oder soll ich den ganzen Tag abgelenkt und hibbelig arbeiten?“ Lachend versenke ich eine weitere Tackerklammer oberhalb des Fensterrahmens unseres Schaufensters.
„Falls ich dich erinnern darf, ... du hast heute frei. Du wolltest doch nur dein Handy holen und mit deinem Adonis shoppen gehen. Also verschwinde endlich und amüsiere dich. Grüße Carlos von mir und frage bitte einmal nach, wie weit die Arbeiten an dem Podest sind, welches wir für die Märchenhochzeit in Auftrag gegeben haben.“
Laurenz zieht sich sein Jackett an und pikst mir mit seinem Zeigefinger gegen den Po. Spielerisch böse funkele ich ihn von oben an und gebe ihm mit dem Fuß einen kleinen Schubs.
„Lass meinen Mann in Ruhe. Das Podest ist schon seit Montag fertig. Immerhin ist er der beste Tischler in Frisco. Morgen wollte er dich anrufen und Bescheid sagen. ... Oh wooooow...“, Laurenz verstummt und die Tür der Agentur wird geöffnet. In der Annahme, dass es sich um Phil, unseren Postboten, handelt, schaue ich nicht zur Tür, und versenke die nächste Tackerklammer in der Wand.
„Hey, Phil. Du bist ein Engel. Die Post steht auf dem Schreibtisch. Ich hoffe, du hast nicht zu viele Rechnungen mitgebracht.“ Da Laurenz nur stumm in Richtung unseres Besuchers starrt, drehe ich mich auf der Leiter zur Tür.

Heilige Kanone!

Alexander Bishop steht aufrecht und stolz in meiner kleinen Agentur und schaut mich an, als würden mir gerade zwei Köpfe wachsen. In den letzten Tagen war er schon ein wirklich attraktiver Mann, mit seinem Fünf-Tage-Bart und den wuscheligen Haaren.
Aber nun steht er vor mir, und mir wird ganz heiß. Seine blonden Haare sind kurz und frisiert, und auch der Bart ist verschwunden.
Gestern sah er noch aus, wie ein schmuddeliger Holzfäller. Zwar muss ich zugeben, wie ein wirklich heißer, schmuddeliger Holzfäller, aber mit seiner Erscheinung heute hat dies nichts mehr gemeinsam.
Er trägt ein weißes T-Shirt, mit einem weiten V-Ausschnitt und zeigt, dass sich dort darunter eine breite Brust verbirgt. Die Kette hängt wieder um seinen Hals, doch den Anhänger kann ich immer noch nicht sehen, da er vom Shirt verdeckt wird. Darüber ein schwarzes Jackett, bei welchem er die Ärmel lässig weit nach oben geschoben hat. Dazu eine dunkle Blue Jeans, und wieder seine braunen, offenen Boots.
Die vergangenen Sekunden kamen mir wir wie Minuten vor. Sofort ist der Moment jedoch beendet, denn in meiner Überraschung, ihn zu sehen, habe ich meine Bewegung nicht unterbrochen.

KLICK!

„Shit!“ Erschrocken ziehe ich meine Hand zu mir und starre schockiert auf meine Handfläche, in der tief eine Tackerklammer steckt...

von Helene Krätzner

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